Boston Strong

Prof. Harald Renz war zufällig schon wieder in Boston, als das Attentat auf den Marathon verübt wurde.

Ich bin gerade zu einer Tagung in Boston – zufälligerweise wird die Jahrestagung EXPERIMENTAL BIOLOGY, zu der ca 15 Tausend Wissenschaftler zusammenkommen – diesjährig in Boston abgehalten. Die Stadt hat sich wieder gefangen! Hier gibt man nicht auf, sondern rückt ganz eng zusammen.

An vielen Stellen in der Stadt sind Blumen aufgestellt. Die Gegend um die Bombenanschläge ist noch gesperrt. Es soll aber in den nächsten Tagen wieder normaler Verkehr stattfinden. Es sind immer noch viele Polizisten und FBI-Mitarbeiter an den Tatorten mit Untersuchungen befasst.

Auf allen Bussen steht jetzt der Slogan „Boston Strong“ –  man steht und hält zusammen. Das merkt man hier in der ganzen Stadt. Der andere Slogan ist „One Boston“ – also ein Boston! Alle Fahnen sind seit Tagen auf Halbmast. Beim letzten RedSox Spiel (Baseball) sind die Emotionen noch einmal hoch gekommen. Es wurden etliche der Polizeibeamten geehrt, die an den Einsätzen beteiligt waren. Auch Opfer des Marathon-Attentats sind geehrt worden.

Der Gouverneur von Massachusetts und der Bürgermeister von Boston haben gemeinsam einen Fund gegründet, in den für die Opfer eingezahlt werden kann. Die RedSoxs haben gleich mal mit 600.000 USD angefangen!! – Das ist ganz typisch für die Amerikaner – die menschen nehmen die Geschicke in die Hand und kümmern sich um die Betroffenen.

Heute Mittag um 14:50 Ortszeit wird es in der gesamten Region eine Schweigeminute geben. Das gesamte Leben wird zum Stillstand kommen – genau 1 Woche nach den Anschlägen. FBI etc. recherchieren jetzt die Hintergründe der Attentäter, die ja hier nach außen hin ein ganz normales Leben geführt haben Es kommen immer wieder neue Aspekte zu Tage – es deutet aber alles auf eher persönlich motivierte Attentäter hin als auf einen organisierte Aktion gelenkt von terroristischen Gruppen.

Aber das wird sich sicherlich noch einige Zeit hinziehen, wenn immer mehr Hintergründe bekannt werden. Jetzt sind die Verwandten in Asien ja „ausgegraben“ worden – das geht über alle Fernsehsender. Heute findet die erste Beerdigung eines der Opfer statt.

Soviel zur Stimmung und aktuellen Situation hier in Boston.

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500 Dollar Strafe für Bostoner, die ihr Auto bewegen

In Boston, der vorübergehenden Wahlheimat unseres Universum-Bloggers sind am Wochenende zwischen 30 und 120 Zentimeter Schnee gefallen.

In Boston sind am Wochenende zwischen 30 und 120 Zentimeter Schnee gefallen. Foto: Renz

In Boston sind am Wochenende zwischen 30 und 120 Zentimeter Schnee gefallen. Foto: Renz

Die Straße ist eine Rodelbahn. Aber die Amerikaner übertreffen sich im Improvisieren und Aufräumen. Das erste ist der Flughafen, von da aus geht es dann immer weiter in die Stadt und die Vororte hinaus.
Der Bürgermeister von Boston hat ein absolutes Fahrverbot am Freitag und Samstag ausgesprochen. Wer erwischt wird, der kommt für 1 Jahr ins Gefängnis oder muss mindestens 500 Dollar bezahlen – auf der Stelle.
Die Warnungen vor dem Sturm kamen über alle Kanäle. Per Email vom Strom- und Gasversorger, von der Schule usw.
Natürlich ist die Schule ausgefallen – zur Freude von Lenard, der sich jetzt wieder ganz den Kontakten mit seinen Marburger Freunden per Internet widmen kann.
Alle wurden aufgerufen, sich um die Nachbarn zu kümmern. Alte und Kranke zu versorgen und Augen und Ohren für die Mitmenschen offen zu halten.
Die Supermärkte waren am Donnerstag schon leer gekauft – nichts gab es mehr. Man hatte den Eindruck, dass der Notstand ausbricht.
Aber zum Glück fiel weder Strom noch Gas bei uns aus. Nicht so, wie beim letzten Sturm. Nächste Woche sind Ferien. Uns wird es in die Wärme ziehen. Bitte kein Schnee mehr!

Einen tragischen Unfall gab es allerdings: Ein Junge, der sich mit seinem Vater nach dem Schneeschippen im Auto aufgewärmt hatte, ist an Kohlenmonoxid Vergiftung gestorben.
Der Auspuff war mit Schnee verstopft, sodass das Gas in den Innenraum strömte.
Freuen können sich die Skiresorts in Vermont, New Hampshire und Main. Mit dem ersten Schneefall sprangen die Buchungszahlen für die nächsten Wochen dramatisch in die Höhe!
Jetzt ist für die nächste Zeit fast alles  ausgebucht. Das passt gut, denn die öffentlichen Schulen haben in einer Woche eine Ferienwoche.
Uns wird es in die Wärme ziehen … Bitte keinen Schnee mehr!
Ansonsten nehmen wir mit den Hiesigen die Situation gelassen und stoisch.
Einen schönen Sonntag bzw Wochenbeginn wünschen die Marburger in Boston!

Am Sonntag ist Super Bowl!

Im Moment steht alles auf amerikanischem Football. „Unsere“ New England Patriots haben es ja immerhin jetzt in den Play-offs bis in das Championship-Spiel am kommenden Sonntag geschafft. Zur Erinnerung, es gibt zwei Ligen in den USA, die AFC und die NFL. Die Champions jeder Liga spielen am Sonntag um den Super Bowl.

Die Patriots haben in der Tat große Chancen das Championship-Spiel der AFC zu gewinnen und wären dann zum wiederholten Male im amerikanischen Super Bowl. Das Footballfieber ist ausgebrochen, alle laufen jetzt schon wieder mit ihren Kappen und Sweatshirts durch die Gegend. In Cafeterien im Krankenhaus und in der Universität wird entsprechend dekoriert und Fußball ist das allumfassende Konsenzthema beim „Smalltalk“. Natürlich werden auch wir vorm Fernseher sitzen, mit bestellter Pizza und Bier (natürlich nicht Lenard!) und mitfiebern.

Wenn Kerry Außenminister wird, wird hier gewählt

Die „große“ Politik beschäftigt uns in jüngster Zeit auch mal wieder. Dieses Mal ist es das Amt des Außenministers der USA. John Kerry, der designierte neue Außenminister und Nachfolger von Hillary Clinton, ist ja „unser“ Senator von Massachusetts (neben Elisabeth Warren, die ja gerade neu in den Senat gewählt worden ist). John Kerry ist in Massachusetts eine hoch angesehene und geachtete Persönlichkeit, alle sind jetzt mächtig stolz, dass einer der Ihrigen Außenminister wird. Gleichzeitig hat das natürlich zur Folge, dass täglich über neue Konstellationen und Entwicklungen, was die Repräsentanz des Bundesstaates in Washington anbelangt, spekuliert wird. Es kommen immer mehr Kandidatinnen und Kandidaten aus der Deckung, denn es muss ja dann nach gewählt werden in kurzer Zeit. Also auch hier gilt – nach den Wahlen ist vor den Wahlen.

Mächtig stolz ist man auch auf Joe Kennedy den Dritten, der es ja ins Repräsentantenhaus geschafft hat, sozusagen als unser direkt gewählter Abgeordneter aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Auch über ihn wird in den Medien lokal viel berichtet. Jetzt waren ja gerade die Einführungen für die neu gewählten Senatoren und Abgeordneten in Washington. Das Ganze wird ja wie ein Familienfest gefeiert mit  individueller Vereidigung und Fotoshooting. Die Bilder machen dann entsprechend die Runde.

Massachusetts, der einzige Staat mit Sozialwohnungen

Jetzt, hier im Winter und bei der Kälte, machen wir uns natürlich Gedanken über die Obdachlosen. Es ist für uns extrem verwunderlich, dass wir eigentlich in Massachusetts und auch in der Stadt Boston selbst, so gut wie nicht auf Obdachlose stoßen. Das liegt daran, dass Massachusetts der einzige Bundesstaat in den USA ist, in dem in der Landesverfassung das Recht der Bewohner auf Unterkunft verankert ist. Die Stadt Boston hat im Jahresdurchschnitt ungefähr 2 000 Wohnungen, die für arme Familien zur Verfügung gestellt werden.

Diese Zahl ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen von ca. 700 auf jetzt 1 700 Familien innerhalb von wenigen Jahren. Anspruch auf eine solche Unterkunft hat man, wenn man gemeldeter Einwohner des Bundesstaates Massachusetts ist und z. B. bei einem Vier-Personenhaushalt über ein monatliches Einkommen von weniger als 2.200 US-Dollar verfügt. Für dieses Programm gab der Bundesstaat im letzten Jahr immerhin 45 Mio. US-Dollar aus – Tendenz steigend. Die Wohnungen reichen schon längst nicht mehr, sodass jetzt auch in jüngster Zeit vermehrt Motels angemietet werden, in denen dann die Familien Unterkunft finden.

Es wird jetzt aktuell wieder im Winter eine intensive Debatte geführt, wie mit dieser Situation zukünftig umzugehen ist. Aber, wie gesagt, das ist eine absolute Besonderheit in den USA und Massachusetts ist der einzige Bundesstaat mit einem solchen Sozialprogramm, was ja doch eher europäische Züge ausweist.

Staatsscheue Amerikaner haben Blei in den Leitungen

Über die Stromversorgung hatten ich bereits berichtet, anlässlich des großen Wirbelsturms. Da haben wir ja schon unsere eigenen Erfahrungen gemacht! Im Gespräch mit amerikanischen Bekannten und Kollegen vergleiche ich das immer mit der Situation in Ostdeutschland nach dem Mauerfall, verbunden mit den mittlerweile über 20 Jahre andauernden Anstrengungen die Infrastruktur in der ehemaligen DDR grundzuerneuern und zu sanieren. Ein solches Infrastrukturprogramm ist in den USA auch dringend notwendig und würde sicherlich auch der Wirtschaftslage und Wirtschaftskraft des Landes enorm helfen.

Allerdings sind die Amerikaner – im Prinzip egal welcher Couleur – absolut staatsscheu. Es besteht nach wie vor eine enorm große Skepsis gegenüber der Regierung und zwar insbesondere der Staatsregierung in Washington. Die Amerikaner haben einfach die Befürchtung, dass das von ihnen hart erarbeitete Geld in Washington eher verplempert und verschleudert wird.

Die marode Infrastruktur ist aber nicht nur im öffentlichen Bereich sichtbar und spürbar, sondern auch zu Hause. Beim Thema Schule ist das Erste, was man in Massachusetts beibringen muss, ein Gesundheitszeugnis zur Bleibelastung des Kindes. Beim Thema Blei geht wirklich um Bleivergiftungen durch das Trinkwasser, beziehungsweise die Rohre. Viele Häuser haben immer noch Bleileitungen, die sehr hohe Konzentrationen dieses Metalls enthalten, welches abgegeben wird an das Trinkwasser.

Hervorragende Organisation und marode Infrastruktur

Winter in Boston ist schon eine 
besondere Erfahrung! Nicht so sehr, dass dort Schnee fällt. Denn normalerweise sind die Winter in Neu-England streng und kalt. Sondern wie die Amerikaner mit den Schneefällen umgehen. Seit dem 15. November gibt es ein generelles Parkverbot zwischen 2 Uhr nachts und 6 Uhr morgens auf allen Straßen. Die Fahrzeuge müssen in den Einfahrten geparkt werden, denn die Schneepflüge rasen nachts in „Affengeschwindigkeit“ durch die Stadt, so dass der Berufsverkehr morgens relativ ungestört ablaufen kann.

Zudem sind an allen größeren Kreuzungen schon seit Monaten große blaue Tonnen aufgestellt, die mit Sand und Salz gefüllt sind, welches von den Hilfskräften an diesen neuralgischen Punkten reichlich ausgestreut wird.

Im Gegensatz zu dieser hervorragenden Organisation liegt die Infrastruktur nun aber wirklich danieder. Alleine im Stadtzentrum von Boston gibt es laut Boston Globe bis zu 3000 Gaslecks. Man riecht das auch 
immer wieder in der Stadt. Ständig sind Einsatztrupps 
unterwegs, um die Straße aufzureißen und nach diesen Lecks zu suchen. Jede Baustelle wird von mindestens zwei Polizisten, die den Verkehr regulieren, betreut. Alle sind beschäftigt und „busy“. Ähnlich sieht es auch mit der Trinkwasserversorgung aus: Nach neuesten Meldungen wird davon ausgegangen, dass in den gesamten USA etwa ein Viertel des Trinkwassers durch Lecks in den Leitungen verloren geht. Das Wasser läuft und versickert einfach im Boden.

Silvester – der Anlass, aber kein Grund für ein Volksfest

Die meisten Amerikaner verschlafen im wahrsten Sinne des Wortes den Jahreswechsel. Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem Kollegen im Children’s Hospital, der bitterlich beklagte, dass er am 31. Dezember immer der einzige ist in seiner Familie (eine typische amerikanische Großfamilie!), der es bis Mitternacht durchhält. Alle anderen sind spätestens um 10 Uhr im Bett.

Feuerwerk ist verboten, getrunken wird dann ja sowieso auch nicht (natürlich nur zuhause) und so was wie individuelle Silvesterfeiern oder Partys kennt man zu diesem Anlass eigentlich auch kaum. Nur die Stadt organisiert ein großes Fest, zu dem dann doch immer hin in Boston mehrere Hunderttausend Menschen zusammenströmen. Das Ganze ist aber mehr oder weniger eine Art Volksfest, beginnend am Nachmittag mit Bands und offenen Museen und Veranstaltungen in Theatern usw. Dabei hat man eher den Eindruck, dass Silvester hier ein Anlass ist ein solches Fest durchzuführen, aber nicht so recht der eigentliche Grund.

Plastikbaum?

Kaufen wir uns nun einen Weihnachtsbaum oder nicht? Sabine ist gegen einen Weihnachtsbaum, weil die Bäume, die wir bisher gesehen haben alle schon nadeln. Wir Männer sind aber für einen Weihnachtsbaum, weil es einfach zum Weihnachtsfest dazugehört. Bei der katholischen Kirche im Vorgarten werden jedenfalls Weihnachtsbäume verkauft. Vielleicht sind die ja von akzeptabler Qualität. Dann wäre nur noch die Frage, wie den Weihnachtsbaum aufstellen. Einen Fuß haben wir nicht, aber wie wir die Amerikaner kennen, gibt es auch einen Fuß für den Einmalgebrauch gleich zum Mitkaufen. Die beliebte Alternative Plastikbäume und Plastikkränze anzuschaffen kommt gar nicht in Frage auch wenn die Qualität mittlerweile so gut, dass man Original und Duplikat gar nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Nur wenn man die Nadeln anfasst, merkt man, dass es eben doch kein Original ist. Die Wiederverwertbarkeit wäre allerdings von Vorteil.

Die Frage wann es Geschenken geben soll, muss auch noch geklärt werden. Grundsätzlich gibt bei uns nur ganz klitzekleine Kleinigkeiten. Aber werden die am 24. Abends oder am 25. Morgens, wie es hier üblich ist, vergeben? Eine schwerwiegende Entscheidung und noch nicht abschließend ausdiskutiert. Allerdings müssen wir da wohl bald zu einem Ergebnis kommen, sonst werden wir von den Ereignissen überholt.

Eigentlich fällt es schwer hier so richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen. Es ist für die Jahreszeit viel zu warm, draußen nieselt es ununterbrochen und alle sind in ihren beruflichen Verpflichtungen dermaßen eingespannt, dass Weihnachten eigentlich noch sehr weit entfernt erscheint. Kein Weihnachtsmarkt, kein Glühwein, keine Bratwurst, schnief.

Amerika – das Land der endlosen Vergleiche

Die Amerikaner lieben ja die Statistiken! Das fängt schon in der Schule an, dass ständig irgendwelche Tests geschrieben werden, die die Leistungen der Schüler in den verschiedenen Jahrgängen und Sparten vergleichbar machen. Daraus ergeben sich dann Statistiken, die zeigen wo die Schüler dieser oder jener Schule im Vergleich zum Ort, Bundesstaat, oder innerhalb der USA liegen. Neulich war in der Zeitung sogar ein internationaler Vergleich! Demnach sind die Bostoner Schüler in Mathe auf Platz acht in der Welt und in Englisch auf Platz sechs. Das sind dann immer Nachrichten, die sich auf der Titelseite der Zeitung befinden.

Statistiken spielen auch beim Sport eine große Rolle. Jetzt geht ja die Footballsaison so langsam ihrem Höhepunkt entgegen. Unsere New England „Patriots“  sind in den letzten Jahren gar nicht schlecht, sie haben sogar den einen oder anderen Superbowl gewonnen. Jedes Spiel wird selbstverständlich zwischendrin und hinterher in allen Medien aus allen Winkeln und Perspektiven heraus auf –  und nachbereitet.  Wie war der Quarterback? Wie viel Prozent der Pässe wurden gefangen, wie viel Yards wurden gelaufen, das Ganze zerlegt bis zum einzelnen Spieler im Angriff und in der Verteidigung usw. Mit diesem ganzen Zahlenmaterial kann man sich dann wunderbar stundenlang mit allen möglichen Leuten unterhalten. Das Ganze dann nicht nur beim Football, sondern bei jeder anderen Sportart ebenso. Jetzt also kommt die Frage, ob unser Team am Ende der Saison so gut platziert sein wird, das es in die  Play-offs kommt. Wir sind gespannt und bangen bei jedem Spiel vor dem Fernseher mit (natürlich immer mit Pizza und Bier/Limonade! Wie sich das hier in den USA gehört!).